Cheat Meals, Selbsterschöpfung, tugendhafte Nahrung

Wenn wir unsere Mahlzeiten vorkochen dient das vor allem einem Zweck: Kontrolle. Kontrolle von Nahrung aber kein leichtes Spiel, sondern erfordert enormen Aufwand. Außerdem klingt es traurig. Man muss verführerischen Genüssen entsagen und dem beiläufigen Snack widerstehen. Mit Meal Prep ist das einfacher, indem es uns diese Kämpfe nicht einzeln ausfechten lässt, sondern dem Blerch einen Schutzschild entgegen stellt. 

Trotzdem lauern allerorts Versuchungen: Snickers an der Kasse, Bier im Kühlschrank, die Eisdiele an der Ecke, etc. Dazu kommt, dass das alles billig ist wie nie zuvor. Das, was jahrtausendelang eines unserer größten Probleme war – Nahrungsmittelknappheit – haben wir Dank des Fortschritts beheben können. Allerdings nicht ohne einen gewichtigen Nachteil: Überfluss ist für unser Gehirn nur schwer zu bewältigen.  

Cheat Meals, Selbsterschöpfung, tugendhafte Nahrung
Sugar Tax. Muss auch sein. :)

Dieser mentale Widerstand – gegen unser evolutionäres Vermächtnis anzukämpfen – ist wie ein Muskel, der angespannt und trainiert werden muss. Und wie ein Muskel braucht diese Leistung immer wieder Entspannung, um sich zu erholen und für eine neue Phase leistungsfähig zu sein. Sonst wird man verrückt und findet sich eines nachts im totalen Ben & Jerry’s-Delirium wieder. Es gibt Bilder, aber die halte ich unter Verschluss.

Ich lese gerade Schnelles Denken, langsames Denken von Daniel Kahnemann, ein Standardwerk der modernen Psychologie. Darin bin ich auf einen Abschnitt gestoßen, der ganz gut beschreibt, wie obige Annahme experimentell bestätigt worden ist:

Das Phänomen wird »Ego-Depletion« (»Selbsterschöpfung«) genannt. In einem typischen Experiment schneiden Versuchspersonen, die aufgefordert werden, ihre emotionalen Reaktionen auf einen emotional aufgeladenen Film zu unterdrücken, später bei einem Test ihrer körperlichen Ausdauer – wie lange können sie trotz wachsendem Unbehagens einen Kraftmesser fest im Griff behalten – schlecht ab. Die emotionale Anstrengung in der ersten Phase des Experiments verringert die Fähigkeit, die Schmerzen anhaltender Muskelkontraktion zu ertragen, und aus diesem Grund erliegen »selbsterschöpfte« Menschen eher dem Impuls, aufzugeben. 

In einem anderen Experiment wird die selbstregulatorische Energie der Versuchspersonen zunächst durch eine Aufgabe erschöpft, bei der sie tugendhafte Nahrungsmittel wie Rettich und Sellerie verspeisen, während sie der Versuchung widerstehen, sich an Schokolade und fettreichen Keksen gütlich zu tun. Später werden diese Personen dann bei einer schwierigen kognitiven Aufgabe eher als üblich aufgeben. Die Liste der Situationen und Aufgaben, die bekanntermaßen die Selbstkontrolle erschöpfen, ist lang und vielfältig. Bei allen geht es um Konflikte und die Notwendigkeit, eine natürlich Neigung zu unterdrücken.

Schnelles Denken, langsames Denken, Daniel Kahnemann, Zwölfte Ausgabe, Pantheon, 2015

Auftritt Cheat Meal

Um diesen mentalen Muskel wieder zu entspannen gibt es das Cheat Meal oder den Cheat Day. Da darf man die Zügel locker lassen. Aber Vorsicht – das wird schnell gefährlich denn man kann das mühsam erarbeitete wöchentliche Kaloriendefizit mit einem Mahl wieder sprengen und seine Fortschritte zunichte machen. Dennoch ist er nach dem bei Kahnemann beschriebenen Experiment glücklicherweise notwendig und verhilft mithin dazu, im entscheidenden Moment stärker zu sein. 

Nur wenige Menschen kommen ganz ohne Cheat-Meals aus. Ich gehöre glücklicherweise nicht dazu. Und tatsächlich – für mich funktioniert es: Nach einem Fressgelage bin ich besser auf die Prep-Phase der kommenden Woche vorbereitet.

Mein Cheat Meal-Favorit ist übrigens Pizza, dazu eine Flasche Wein getippt von Ben & Jerry’s Strawberry Cheesecake. Fan.Tas.Tisch. Ich freue mich immer wieder darauf und die Völlerei hat jede Woche ihren festen Platz im Kalender.

Was sind eure Lieblings-Cheat Meals? Und: Braucht ihr das überhaupt? Lasst es uns in den Kommentaren wissen.